- DER AKTIONÄR

„Weitgehend im Griff“

Trotz der US-Hypothekenkrise präsentierte sich die US-Wirtschaft im dritten Quartal überraschend stark. Ist die Krise mittlerweile verdaut? DER AKTIONÄR im Gespräch mit Dr. Marco Bargel, Chefvolkswirt der Deutschen Postbank.

DER AKTIONÄR im Gespräch mit Dr. Marco Bargel, Chefvolkswirt der Deutschen Postbank.

DER AKTIONÄR: Trotz der US-Hypothekenkrise präsentierte sich die US-Wirtschaft im dritten Quartal überraschend stark. Wurden die Auswirkungen überbewertet oder wird Ihrer Ansicht nach erst 2008 das vollständige Ausmaß sichtbar?

Dr. Marco Bargel: Das Ausmaß der Krise zeigt sich bereits in einem dramatischen Rückgang der Wohnungsbauinvestitionen. Allerdings wurde der Einbruch im Wohnungsbau durch das recht starke Wachstum des privaten Konsums und der Investitionen im dritten Quartal verdeckt. Zur Jahreswende werden die Krise und die hohen Energiepreise den privaten Konsum in den USA stark belasten. Wir rechnen daher mit sehr schwachen Wachstumsraten in den USA bis in das Frühjahr 2008 hinein. Ein Hoffnungsschimmer ist der Außenhandel, da US-Unternehmen vom schwachen Dollar profitieren.

Die US-Notenbank hat die Leitzinsen auf 4,50 Prozent gesenkt. Ist die Öffnung der Liquiditätsschleuse auch diesmal das richtige Mittel zur Krisenbewältigung oder bedarf es weiterer Maßnahmen?

Bei einer zu starken oder schnellen Senkung der Leitzinsen besteht die Gefahr einer erneuten Blasenbildung an den Märkten. Schließlich war die Geldpolitik in den USA mit über viele Jahre hinweg historisch niedrigen Leitzinsen nicht ganz unschuldig an den Exzessen am Hypothekenmarkt. Hier sind Maßnahmen zum Verbraucherschutz oder im Bereich der Bankenaufsicht, die in den USA ja bereits eingeleitet wurden, sicherlich eine bessere Alternative. Die Geldpolitik sollte außerdem den vorhandenen Inflationsrisiken Rechnung tragen. Wir halten auch aus diesem Grund eine weitere Senkung der Leitzinsen in den USA für nicht angebracht.

Nach ersten Beschwichtigungen gehen die großen US-amerikanischen und auch deutschen Finanzkonzerne mit Milliardenabschreibungen in die Offensive. Liegen die Karten nun auf dem Tisch oder sieht die Öffentlichkeit bisher nur die Spitze des Eisbergs?

Nach unserer Einschätzung haben die deutschen Banken die von der US-Subprime-Krise ausgehenden Risiken weitgehend im Griff. In den Berichten zum Geschäftsverlauf im dritten Quartal haben sie entsprechend ihrer Engagements Wertberichtigungen vorgenommen. Die US-Subprime-Krise schwelt zwar weiter, wie die Negativmeldungen von Anfang November der US-Bank Citigroup zeigen. Bei den deutschen Banken dürften wir nach unserer Ansicht das Gros an Wertberichtigungen aber schon im Bericht zum dritten Quartal gesehen haben.

An der Börse gilt der alte Leitspruch: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern.“ Sollten Anleger diesem Wahlspruch folgen?

Für langfristig orientierte Anlager sind Aktien nach den Kursrückgängen der letzten Monate wieder attraktiv. Auf kurze Sicht muss allerdings noch mit weiteren Rückschlägen gerechnet werden, da überraschende Negativmeldungen insbesondere aus dem US-Bankensektor nach wie vor möglich sind.

Erschienen in DER AKTIONÄR Ausgabe 47/2007.

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