- DER AKTIONÄR

"Eine Verdopplung ist möglich!"

Der Spezialchemiehersteller H und R Wasag hat das erste Halbjahr mit einem Gewinnsprung von 13 auf 30 Cent je Aktie abgeschlossen. Trotz des hohen Ölpreises stellt der Vorstandsvorsitzende Dr. Horst Hollstein im Gespräch mit dem AKTIONÄR auch für das Gesamtjahr eine Gewinnverdopplung in Aussicht.

Der Spezialchemiehersteller H&R Wasag hat das erste Halbjahr mit einem Gewinnsprung von 13 auf 30 Cent je Aktie abgeschlossen. Trotz des hohen Ölpreises stellt der Vorstandsvorsitzende Dr. Horst Hollstein im Gespräch mit dem AKTIONÄR auch für das Gesamtjahr eine Gewinnverdopplung in Aussicht.

DER AKTIONÄR: Wie können Sie sich erklären, dass die Börse kaum auf Ihr gutes Ergebnis reagiert hat?

Dr. Horst Hollstein: Die Erwartungen an uns sind durchhaus hoch. Wir haben bereits im letzten Jahr und im ersten Quartal des laufenden Jahres bewiesen, dass wir mit den für uns katastrophalen Bedingungen am Rohölmarkt durchaus zu Recht kommen können. Daher war eine gute Performance - trotz der Rohölkrise - von uns erwartet worden.

Wie waren Sie mit den Ergebnissen des ersten halben Jahres 2005 zufrieden?

Wir haben uns in Anbetracht der Umstände hervorragend geschlagen. Da wir Mehraufwendungen durch den gestiegenen Ölpreis nur mit einem Zeitverzug an die Märkte weitergeben können, standen natürlich unsere Margen im Raffineriegeschäft unter Druck. Daneben haben aber allerdings unsere Handelsaktivitäten in Europa und Übersee stabile Ergebnisbeiträge geliefert. Dies gilt auch für unsere beiden anderen Sparten Kunststoffe und Explosivstoffe, die mit ihren Ergebnissen eine Kompensation der Ergebnisrückgänge in hohem Maße ermöglicht haben.

Welche Sonderbelastungen haben Sie durch die Rohölpreissteigerungen verkraften müssen?

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und bei Unterstellung gleicher Verarbeitungsmengen lagen die Rohstoffaufwendungen noch einmal um knapp 40 Prozent höher. Dies zeigt sich in einer weiter erhöhten Materialquote im Konzern, die von 67 Prozent im Geschäftsjahr 2004 auf 69 Prozent im ersten Halbjahr 2005 angestiegen ist.

Welchen Entlastungseffekt hätten Sie, wenn der Ölpreis vom heutigen Niveau von etwa 66 US-Dollar um zehn Prozent fallen würde?

Natürlich würde sich unsere Situation entspannen. Ein kurzfristiger Rückgang würde jedoch nicht wirklich helfen. Damit wir wieder unser gewohntes Margenniveau erreichen können, muss der Rohölpreis wieder in eine stabile Entwicklung eintreten. Das heißt nicht, dass er sich nicht volatil entwickeln darf, die Ausschläge nach oben und nach unten sollten sich kurzfristig jedoch ausgleichen.

Kann man das Ergebnis je Aktie von 30 Cent vom ersten Halbjahr auf das Gesamtjahr hochrechnen?

Die Entwicklung des Umfelds im zweiten Halbjahr hat natürlich maßgebliche Auswirkungen auf die Ergebnissituation. Wir sehen weiterhin die Chance, dass wir unser Vorsteuerergebnis auf mindestens 20 Millionen Euro verdoppeln können, sofern sich die Situation am Rohölmarkt stabilisiert.

Welche Maßnahmen zur weiteren Verbesserung Ihrer Margen werden Sie ergreifen?

In allen Bereichen laufen kontinuierlich Programme zur Ergebnisverbesserung. Ein besonderes Augenmerk liegt aktuell auf der Raffinerie-Produktion. Mit der Übernahme der ehemaligen BP-Raffinerie in Hamburg verfügen wir seit Beginn 2004 über zwei Produktionsstandorte im Ölgeschäft. Direkt mit Integration der neuen Raffinerie haben wir ein Projekt ins Leben gerufen, dass die Produktion über beide Raffinerien hinweg optimieren soll. Da wir damit innerhalb der kommenden drei Jahre ein zusätzliches Ergebnispotenzial von 18 Millionen Euro realisieren wollen, haben wir es "Projekt 18" genannt. Neben der Senkung von Kosten stehen hier auch die Erhöhung der Mengen und das Erreichen von so genannten Scale- beziehungsweise Mengeneffekten im Mittelpunkt.

Der Umsatz der operativen Sparte Kunststoffe macht sechs Prozent vom Gesamtumsatz aus. Wohin wollen Sie diesen Bereich entwickeln?

Bezogen auf den Umsatz ist die Kunststoffsparte der kleinste Bereich des Konzerns, allerdings auch der rentabelste. Das Erreichen einer hohen Profitabilität ist eine entscheidende Voraussetzung für die in diesem Spezialsegment notwendigen Investitionen. Mit Zukäufen anderer Gesellschaften würden wir diese Rentabilität nur verwässern. Daher setzen wir hier auf den Aufbau neuer Standorte im Ausland. Mit der Gründung einer Produktion in China haben wir in diesem Jahr den Anfang gemacht. Die nächsten Zielmärkte für eigene Standorte sind Osteuropa und der NAFTA-Raum.

Welcher der drei Geschäftsbereiche wird in den nächsten fünf Jahren prozentual das stärkste Wachstum aufweisen können?

Wir setzen in allen drei Geschäftsbereichen auf Wachstum. In der Sparte Chemisch-pharmazeutische Rohstoffe sehen wir gleich mehrere Ansatzpunkte. Zum einen werden wir organisch zulegen. Potenziale hierzu bestehen vor allem in Asien und Südafrika. Daneben wollen wir in den kommenden Jahren auch vom anhaltenden Branchentrend zur Konzentration auf Kernaktivitäten profitieren. Dem Schritt, den die BP in 2003 mit dem Verkauf des gesamten Spezialgeschäfts vollzogen hat, werden andere Mineralölkonzerne folgen. Wir sehen das zum Beispiel gerade bei ExxonMobil, deren australische Aktivitäten wir im Frühjahr erworben haben. Die Aktivitäten in der Präzisionskunststoff-Sparte können wir demgegenüber nur über den Aufbau von Standorte in neuen regionalen Märkten ausbauen. Im Explosivstoffbereich schließlich ermöglichen die vorhandenen Markt- und Wettbewerbsstrukturen eigentlich nur ein Wachstum über Akquisitionen und Kooperationen.

Ihr Geschäft mit so genannten kennzeichnungsfreien Weichmachern konnte deutlich gesteigert werden. Was zeichnet diese Produkte aus und wozu werden sie verwendet?

Aufgrund von Patenten sind wir in der Lage eine neue Generation von Weichmachern insbesondere für die Reifenindustrie herstellen zu können. Diese werden der Gummimischung beigemischt und bestimmen maßgeblich wichtige Eigenschaften von Reifen, wie zum Beispiel die Haftung und die Bremseigenschaften. Hier sehen wir eine steigende Nachfrage nach unseren Produkten. Hintergrund ist eine neue Gesetzgebung, die in den kommenden Jahren den Einsatz der bisher genutzten Weichmacher verbieten wird. Durch unsere Patente sind wir Technologieführer in diesem Segment und werden von der Umstellung auf neue Produkte stark profitieren.

Welches Umsatzwachstum wollen Sie mit diesen Produkte mittelfristig erreichen?

Mit unseren Verarbeitungskapazitäten sind wir in der Lage 50 Prozent des europäischen Bedarfs der Reifenindustrie an Weichmachern zu bedienen. Wir erwarten mittelfristig einen Umsatzanstieg von etwa 15 Prozent in der Sparte Chemisch-pharmazeutische Rohstoffe.

Sie haben in einigen Produktsegmenten weltweit eine marktführende Position. Wie sind Sie als mittelständisches Unternehmen dazu gekommen?

Wir konzentrieren uns mit allen unseren Aktivitäten auf Nischenmärkte. Nur in solchen Märkten können wir als Mittelständer im heute globalen Wettbewerb bestehen. Das Einnehmen führender Marktpositionen ist für uns deshalb eine elementare Voraussetzung, um einzelne Geschäftsbereiche auszubauen. Nur wenn wir zu den Marktführern oder zu den Technologieführern gehören, können wir langfristig erfolgreich sein. Gleiches gilt für das Einnehmen der Kostenführerschaft im Dienstleistungsgeschäft. In den vergangenen Jahren haben wir alle unsere Aktivitäten danach ausgerichtet und heute sind alle Bereiche in ihren Märkten führend positioniert.

Die Sprengstoffwerke Gnaschwitz sollen in diesem Jahr in den Konzernabschluss einbezogen werden. Wo sehen Sie die Synergieeffekte zu Ihrer bestehenden Sparte Sprengstoff? Welche Ergebnisimpulse erwarten Sie aus SWG?

Die Übernahme der Sprengstoffwerke Gnaschwitz war ein logischer und notwendiger Schritt für uns. Wir wollen die Konsolidierung des europäischen Marktes in einer führenden Position mitgestalten. Hinzu kommt, dass sich unsere Produktions- und Vertriebsaktivitäten sehr gut ergänzen. Vor Konsolidierung der Gesellschaft , müssen wir allerdings Auflagen erfüllen, die uns vom Bundeskartellamt auferlegt wurden. Die Umsetzung dieser Forderungen wird gerade geprüft. Ergebnisimpulse erwarten wir vor allem aus der Realisierung umfangreicher Synergien innerhalb der Sprengstoffsparte.

In Deutschland liegen sie mit den Explosivstoffen bei einem Marktanteil von 24 Prozent und damit auf einer führenden Position. In welchen Märkten wollen Sie eine ähnliche Marktposition erreichen?

Wir sind einer der führenden Anbieter in Zentraleuropa mit hervorragenden Marktpositionen in Deutschland, Polen und Ungarn. Organisch zulegen wollen wir vor allem in den Wachstumsmärkten Osteuropas. Hier erwarten wir eine dynamische Nachfrageentwicklung, insbesondere vor dem Hintergrund der anstehenden Erneuerung der Infrastruktur in vielen Ländern der Region. Zusätzlich werden wir als Technologieführer davon profitieren, dass sich die Nachfrage von den herkömmlichen Dynamiten hin zu den modernen Emulsionssprengstoffen bewegt.

Überlagert wird die Entwicklung allerdings durch die anstehende Konsolidierung des europäischen Sprengstoffmarktes, der in den kommenden Monaten und Jahren dramatische Veränderungen unterliegen wird. Entweder bildet sich über Zusammenschlüsse ein unabhängiger europäischer Sprengstoffkonzern oder die Weltmarktführer werden Europa unter sich aufteilen.

Wie wird das Umsatzwachstum im kommenden Jahr weitergehen?

Wir werden sowohl in einzelnen Produktsegmenten zulegen, als auch unsere Aktivitäten regional ausweiten. Im Ölgeschäft sehen wir produktbezogen große Potenziale bei den genannten kennzeichnungsfreien Weichmachern. Regional werden wir in den Zukunftsmärkten China und Südostasien in den kommenden Jahren deutlich wachsen können. Daneben sollten wir auch durch Übernahmen weiter wachsen. Wir gehen davon aus, dass sich die großen Mineralölgesellschaften weiter aus den Nischenmärkten zurückziehen werden.

Wo könnte das Vorsteuerergebnis im Jahr 2006 liegen, wenn der Ölpreis auf jetzigem Niveau stagnieren würde?

Eine Stabilisierung auf jetzigem Niveau würde innerhalb einiger Monate auch zu einer Stabilisierung der Margensituation führen. Wir werden dann im Bereich Chemisch-pharmazeutische Rohstoffe eine Umsatzrentabilität vor Steuern von mindestens fünf Prozent erreichen. Diese wollen wir über die kommenden Jahre mit der Umsetzung weiterer Maßnahmen kontinuierlich steigern.

Wo sehen Sie den fairen Wert der Aktie?

Über einen fairen Aktienkurs zu spekulieren ist natürlich schwierig. Wenn sich die Rohölmärkte allerdings nachhaltig stabilisieren und wir vor diesem Hintergrund unser Ertragspotenzial ausspielen können, dann sollte die Aktie über ein deutliches Potenzial verfügen. Gleiches gilt, wenn wir die laufenden Projekte und die damit beabsichtigten Ergebniszuwächse realisieren können. Darüber hinaus müssen wir jeden Tag neu daran arbeiten, die Financial Community von unseren Stärken zu überzeugen.

Herr Dr. Hollstein, wir bedanken uns für das Interview.

Fazit: Raffiniertes Investment

Seit der Kaufempfehlung in Ausgabe 50/2003 hat das inzwischen im SDax gelistete Papier 42 Prozent zugelegt, wobei der hohe Ölpreis eine bessere Performance verhindert hat. Das überzeugende Halbjahresergebnis belegt, dass sich die Diversifikation in vom Ölpreis unabhängige Nischen bereits bezahlt macht und H&R Wasag zusätzliche Potenziale eröffnet. Aufgrund der günstigen Bewertung eignet sich die Aktie zur langfristigen Depotbeimischung.

 

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