- Jochen Kauper - Redakteur

„Die Rezessionsangst geht um!“

Die Aktienmärkte haben weiter den Rückwärtsgang eingelegt. Vor allem die Tech-Werte vor allem in den USA stehen nach wie vor gehörig unter Druck. DER AKTIONÄR hat nachgefragt – unter anderem bei Fiduka-Experte Marco Herrmann.

"Die Einschätzung der Börsenlage finde ich derzeit äußerst schwierig. Vieles hängt davon ab, wie es im Handelsstreit zwischen den USA und China (und Europa) weitergeht. Aktuell ist die konjunkturelle Lage immer noch sehr gut, aber die bestehenden Unsicherheiten machen den Investoren Sorge, ob nicht doch eine Rezession ins Haus steht – und dann würde es spannend werden, denn die Notenbanken können kaum noch helfen und die Staaten sind bereits hoch verschuldet und haben nur wenig Spielraum „Deficit spending“ zu betreiben. Da sind auch die Querelen zwischen Italien und der EU und ein drohender harter Brexit nicht hilfreich“, sagt Marco Herrmann von der Fiduka Depotverwaltung.

Nach den zum Teil zweistelligen Kursrückgängen insbesondere in Europa sollte man meinen, dass bereits einiges eingepreist ist.
„Obwohl die Anleger im Regelfall mit hohen Kursabschlägen auf die Unternehmensberichte für das 3. Quartal reagieren, sind die Gewinnschätzungen für den Gesamtmarkt recht stabil geblieben; in den USA sogar weiter gestiegen. Der Blick der Anleger ist nur auf negative Nachrichten eingestellt, Positives wird nicht wahrgenommen. Kleine Kursrallys werden schnell zum Abbau von Positionen genutzt.“

Die Stimmung der Investoren ist zwar schon sehr mies, aber Panik haben wir noch nicht gesehen. Wäre es also zu früh, eine Wende auszurufen?
„Kurzfristig halte ich einen weiteren Abverkauf für möglich (Markttechnik und Positionierung der Investoren). Erst wenn sich die Stimmung zwischen den USA und China verbessert, könnten wir zum Jahreswechsel eine Rally erleben. Ob und wann sich Trump und Xi in Handelsfragen einigen, kann aber keiner seriös prognostizieren. Kurzfristige Indexprognosen sind daher ein Glücksspiel.“

Dennoch fällt das Fazit von Marco Herrmann positiv aus.
„Weil wir nicht an eine Rezession glauben, erwarten wir höhere Aktienkurse im nächsten Jahr. Der DAX hat Spielraum bis 12500 bis 13000 Punkten und wäre dann immer noch nicht teuer. Die hohen Dividendenrenditen in Europa von durchschnittlich 3,7 Prozent sollten die Kurse mittelfristig stützen können. Bei US-Aktien sehen wir weniger Potential, weil das Gewinndynamik der Unternehmen nachlassen wird.“


Wie positioniert man sich in diesen unsicheren Zeiten?
"Grundsätzlich fährt man mit Aktien aus defensiveren Branchen (Unternehmen mit Produkten des täglichen Bedarfs) oder Pharmawerten am besten. Aufgrund der guten langfristigen Wachstumsaussichten im Technologie-Sektor, sollte man auch hier investiert bleiben; nach dem Ausverkauf der letzten Wochen gibt es hier interessante Einstiegs- bzw. Nachkaufmöglichkeiten.
Gleiches gilt für Aktien aus den Schwellenländern. Die zählen zwar nicht zu den defensiven Branchen, sind zurzeit aber sehr niedrig bewertet. Interessant ist auch der Energiesektor, dessen Aktien überdurchschnittlich hohe Dividendenrenditen aufweisen."

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