- DER AKTIONÄR

"Die Bewertungen beruhen auf zu optimistischen Gewinnschätzungen"

Finanzkrise und Rezession in den USA, Sorgen um die Weltkonjunktur, massive Zinssenkungen durch die Fed – die Märkte fahren Achterbahn. Im Interview mit dem AKTIONÄR erklärt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Investmentbank M. M. Warburg, wie er die Konjunkturentwicklung in Deutschland und weltweit einschätzt.

Finanzkrise und Rezession in den USA, Sorgen um die Weltkonjunktur, massive Zinssenkungen durch die Fed – die Märkte fahren Achterbahn. Im Interview mit dem AKTIONÄR erklärt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei der Investmentbank M. M. Warburg, wie er die Konjunkturentwicklung in Deutschland und weltweit einschätzt.

DER AKTIONÄR: Herr Klude, die Subprime-Krise und die Rezession in den USA haben in den letzten Wochen die Märkte in Atem gehalten. Wie groß sind Ihrer Meinung nach die Auswirkungen auf die Weltkonjunktur im allgemeinen und die Konjunktur in Deutschland im Speziellen?

Carsten Klude: Das Weltwirtschaftswachstum wird sich im Vergleich zu den vergangenen vier Jahren deutlich verlangsamen. Insbesondere in den Industrieländern wird sich die Finanzmarktkrise in diesem Jahr negativ auf die wirtschaftliche Dynamik auswirken. In den USA rechnen wir mit einer Rezession im 1. Halbjahr, also zwei Quartalen in Folge mit einem negativen Wirtschaftswachstum. Danach dürften die Steuersenkungen zu einer leichten Belebung des Wirtschaftswachstums beitragen. Allerdings sehen wir die Gefahr, dass sich das Wachstum im vierten Quartal 2008 oder spätestens zu Beginn des Jahres 2009 wieder abschwächen wird, so dass es zu einem so genannten „Double Dip“ für die US-Wirtschaft kommen könnte. Da die Ungleichgewichte in den USA (Überkonsum und hohe Verschuldung) wohl nicht innerhalb weniger Quartale zu beseitigen sind, könnten die USA vor einem längeren Anpassungsprozess mit vergleichsweise niedrigen Wachstumsraten stehen.

In Deutschland wird sich das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf etwa 1,5% abschwächen. Eine Rezession ist aber unwahrscheinlich, weil die Industrieunternehmen über ein enormes Auftragspolster verfügen. Die größeren Herausforderungen erwarten wir für das nächste Jahr, weil die Bestellungen bis dahin weitgehend abgearbeitet sind und sich bis dahin auch das Wachstum in den Schwellenländern merklich verlangsamt haben wird. Deshalb rechnen wir für 2009 mit einer weiteren Verlangsamung des Wachstums.

Die Fed versucht der Krise durch massive Zinssenkungen und weiteren Stützungsmaßnahmen entgegen zu wirken. Erwarten Sie, dass die Zinssenkungen zeitnah Wirkung zeigen oder sind Sie diesbezüglich eher skeptisch?

Die Zinssenkungen und die unkonventionellen Liquiditätshilfen der Fed für die Banken hatten bislang jeweils nur einen temporär positiven psychologischen Effekt für die Märkte. Dagegen haben die Zinssenkungen der US-Notenbank bislang zu keinem nachhaltigen Rückgang der Hypothekenzinsen geführt, weil sich viele Banken entweder aus dem Kreditgeschäft verabschiedet haben, höhere Margen verlangen oder aufgrund geringeren Eigenkapitals weniger Kredite vergeben. So verzinst sich eine 30-jährige Festzinshypothek derzeit mit 5,74% verglichen mit 6,05% zu Jahresbeginn. Der variable Hypothekenzinssatz für ein Jahr ist dagegen auf 7,02% im Vergleich zu 6,0% zu Jahresbeginn angestiegen. Kreditnehmer, die so genannte „Subprime“-Hypothekenkredite aufgenommen haben und für die es im laufenden Quartal zu einer Zinsanpassung kommen wird, müssen sogar eine deutlich höheren Preis für ihren Kredit bezahlen. Nach Aussagen von Fed-Präsident Bernanke schätzt die US-Notenbank, dass der Zins für diese Kredite von etwa 8% auf 9,25% ansteigen und damit deutlich über dem Marktniveau liegen wird. Ein anhaltend positiver Effekt für die US-Wirtschaft wäre nur dann zu erwarten, wenn es der amerikanischen Geld- und Fiskalpolitik gelänge, mit vereinten Kräften den US-Konsumenten doch bei Laune zu halten. Dazu müsste aber der Verfall der Vermögenspreise, speziell der Immobilienpreise, gestoppt werden, und die Banken müssten die Haushalte ihrerseits weiterhin mit ausreichend Liquidität, sprich Kredit, versorgen. Angesichts der horrenden Abschreibungen, die die Banken schon vorgenommen haben und wohl auch noch in Zukunft vornehmen müssen, sollte man einer solchen Entwicklung aus heutiger Sicht keine allzu hohe Wahrscheinlichkeit beimessen.

Wie stark sind Ihrer Ansicht nach die DAX-Konzerne von einer Konjunkturabschwächung betroffen?
                       
Die DAX-Konzerne profitieren davon, dass sie in den letzten Jahren zunehmend internationaler operieren und sich vor allem in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Osteuropas gut positioniert haben. So gehen mittlerweile nur noch gut 7% der deutschen Exporte in die USA (verglichen mit fast 12% im Jahr 2002), aber schon 8% in die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China). Dennoch wird sich das Wachstum der Unternehmensgewinne in diesem Jahr deutlich verlangsamen und einige Firmen – vor allem aus der Finanzbranche – werden erheblich weniger verdienen als im vergangenen Jahr.

Ist angesichts des starken Euros ein Einbruch beim Export zu befürchten, der die Konjunktur in Deutschland bisher immer gestützt hat?

Ein Einbruch ist nicht zu erwarten, da insbesondere aus den Schwellenländern die Nachfrage nach deutschen Produkten immer noch sehr hoch ist. Dies belegen nicht zuletzt die immer noch optimistischen Exporterwartungen der vom Ifo-Institut befragten Unternehmen. Dennoch ist eine Verlangsamung des Exportwachstums auf gut 5% in diesem Jahr unvermeidlich.

Könnte eine anziehende Binnennachfrage diesen Rückgang ausgleichen?

Nein, der private Verbrauch wird auch in diesem Jahr nur unterproportional wachsen; wir erwarten einen realen Zuwachs von ungefähr 0,7%. Zwar wird sich die Belebung des Arbeitsmarktes noch eine zeitlang fortsetzen, doch werden die verfügbaren Einkommen angesichts der hohen Steuern- und Abgabenlast wie in den vergangenen Jahren um kaum mehr als 2% zunehmen. Berücksichtigt man zusätzlich die Preissteigerungen, bedeutet dies dass die Mehrzahl der Bürger nicht mehr Geld im Portemonnaie hat, dass ausgegeben werden könnte.

Wie zuverlässig sind vor diesem Hintergrund Ihrer Ansicht nach die Konsensschätzungen für die DAX-Konzerne?

Der Konsens der Unternehmensanalysten erwartet für dieses Jahr einen Gewinnanstieg von 8% gefolgt von einem Plus von 12% im nächsten Jahr. Allerdings ist festzustellen, dass die Gewinnerwartungen seit einigen Monaten nach unten revidiert werden. Dies ist ein Trend, der anhalten wird. Da sich die wirtschaftliche Dynamik in diesem und im nächsten Jahr abschwächen wird, sind die derzeitigen Gewinnerwartungen immer noch zu optimistisch. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Finanzmarktkrise rechnen wir insbesondere bei Banken und anderen Finanzdienstleistern mit einem deutlichen Gewinnrückgang und weiteren Abschreibungen.

Welche Branchen würden Sie aktuell favorisieren?

Aktien sind zwar günstig bewertet. Doch das ist noch zweitrangig, denn diese Bewertungen beruhen auf zu optimistischen Gewinnschätzungen. Wir empfehlen derzeit noch nicht den Einstieg in den breiten Markt, sondern nur selektive Käufe vorzunehmen, da wir in nächster Zeit weitere Kursverluste an den Aktienmärkten für wahrscheinlich halten. Anleger, die in diesem Umfeld dennoch auf Aktien setzen möchten, raten wir zu defensiven Werten wie Pharmaunternehmen und Versorgern. Sie dürften in der Abwärtsbewegung weniger verlieren, völlig abkoppeln können aber auch sie sich nicht. Aktien mit einer hohen Marktkapitalisierung sind tendenziell kleineren vorzuziehen, weil wir in ihnen eher den „sicheren Hafen in unsicheren Zeiten“ sehen. Zudem sind die Gewinnerwartungen hier weniger ambitioniert. Von einem Einstieg in Finanzwerte raten wir derzeit generell noch ab.

Herr Klude, vielen Dank für das Interview!

 

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