- Andreas Deutsch - Redakteur

"Das Bankenproblem ist nicht gelöst"

Der Aktienkurse der Deutschen Bank ist ein Desaster. Aber nicht nur der deutsche Marktführer hat große Probleme. Die gesamte Branche muss an einigen Fronten kämpfen. Banken-Experte Martin Hellwig appelliert an die Politik: Handelt jetzt, bevor die Banken uns wieder ernsthafte Probleme machen!

DER AKTIONÄR: Herr Professor Hellwig, ist Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen noch sauer auf Sie?

MARTIN HELLWIG: Sie spielen auf die Diskussion bei der Bundesbanktagung im Februar an. Laut Fitschen ist jetzt genug reformiert worden bei der Bankenregulierung. Wenn eine Bank Probleme habe, solle man sie einfach pleitegehen lassen. Ich sagte, bei einer systemrelevanten Bank wie der Deutschen Bank sei das viel zu gefährlich für den Rest der Volkswirtschaft und deshalb müsse man sehen, dass es gar nicht erst dazu komme. Es ging damals auch um das Testament der Deutschen Bank.

Herr Fitschen meinte, der Umgang mit Schieflagen sei gar nicht so problematisch, das sei alles im Bankentestament beschrieben, aber das hätte ich ja nicht gelesen. Das Bankentestament ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Nur bei den amerikanischen Behörden findet man eine um Vertrauliches bereinigte Kurzfassung. Diese macht mich allerdings nicht optimistischer.

Warum nicht?

Ein Kernproblem besteht darin, dass im Ernstfall die Behörden verschiedener Länder bei den jeweiligen rechtlich unabhängigen Tochtergesellschaften einschreiten, was Unternehmensprozesse, die über die verschiedenen Einheiten hinweg integriert sind, zerstört. Das hat zur Folge, dass systemrelevante Funktionen nicht aufrechterhalten werden können. Bei Lehman Brothers konnten die englischen Behörden die Marktmacherfunktion bei bestimmten Derivaten nicht aufrechterhalten, da kein Bargeld vorhanden war. Im Zuge des integrierten Cash-Managements war alles Bargeld beim vorherigen Geschäftsschluss nach New York gegangen. Zu diesem Problem nun sagt das Testament der Deutschen Bank, die amerikanischen Behörden sollten einfach der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) vertrauen und diese allein einschreiten lassen. Die Bafin hat vor zwei Jahren der Unicredit Deutschland verboten, die Mutter in Italien mit liquiden Mitteln zu unterstützen. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass andere Behörden die Interessen ihres Landes bei der Bafin gut aufgehoben sehen.

Fitschen wird auch genervt sein vom Aktienkurs der Deutschen Bank, der ein Desaster ist. Hingegen haben sich die Aktien vieler südeuropäischer Banken ganz hervorragend entwickelt. Wie kommt’s?

Man muss sehen, wo die südeuropäischen Banken herkommen. Vor zwei Jahren schien die Insolvenz zu drohen. Seither hat sich die Situation stabilisiert. Die günstigen Kredite der EZB haben für gute Gewinne bei diesen Banken gesorgt. Sie bekamen das Geld von der EZB zu ein Prozent und konnten es für fünf Prozent anlegen.

Die Deutsche Bank ist nur eine von vielen Banken, die Probleme haben. Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten, mit denen die Branche zu kämpfen hat?

Es gibt zu viel Kapazität in der Branche. Deshalb können die Banken nur Geld verdienen, wenn sie zocken. Ein Ausscheiden aus dem Markt wird künstlich behindert, durch Staatsgarantien und Staatsmittel und durch die Unterstützung der EZB.

Außerdem haben die Banken zu wenig Eigenkapital. Das macht sie extrem anfällig gegen unangenehme Überraschungen. Bei manchen kann man auch vermuten, dass sie insolvent wären, wenn man nur richtig hinsähe.

Die Regulierer fordern eine Untergrenze für das Eigenkapital von drei Prozent der Bilanzsumme. Sie fordern 20 bis 30 Prozent. Warum so viel?

Drei Prozent der Bilanzsumme ist das, was Lehman Brothers in der letzten Bilanz vor der Insolvenz auswies. Dass die Finanzkrise so schlimm war, beruhte unter anderem darauf, dass die Banken kaum Eigenkapital hatten, um Verluste zu absorbieren. Die Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft waren exorbitant. Die gesellschaftlichen Kosten zusätzlichen Eigenkapitals dagegen sind gering.

Aber würden 20 bis 30 Prozent Eigenkapital nicht die Gewinne der Banken extrem schmälern?

Es kann nicht allein um die Gewinne der Banken gehen. Regulierung muss dafür sorgen, dass die Banken auch den gesellschaftlichen Kosten der Krise Rechnung tragen. Dazu gehören übrigens auch die Verluste, die Bankaktionäre mit diversifizierten Portefeuilles auf ihre anderen Anlagen machen. Die Krise hat die Werte dieser Portefeuilles massiv gesenkt.

Im Übrigen sinken nicht die Gewinne, sondern die Renditen. Das ist auch für die Aktionäre kein Problem, wenn die Renditesenkung nur die Risikosenkung spiegelt, die für die Aktionäre eintritt, wenn die Banken mit mehr Eigenkapital arbeiten. Allerdings sind bei höherer Eigenkapital- und geringerer Schuldenfinanzierung die staatlichen Garantien der Bankschulden, das „Too Big To Fail“, weniger wert.

Aber wo soll das Eigenkapital herkommen?

Eigenkapital ist ein Finanztitel, der gegen Geld oder andere Finanztitel getauscht werden kann. Stellen Sie sich vor, eine Bank erhöht ihr Eigenkapital auf 20 Prozent, indem sie für 20 Milliarden Euro neue Aktien ausgibt. Dieses Geld investiert die Bank in Aktien verschiedener Qualitätsunternehmen. Im Endeffekt hat die Bank dann eigene Aktien gegen die Aktien anderer Unternehmen getauscht. Bei funktionsfähigen Kapitalmärkten, wie sie in den Risikomodellen der Bank selbst unterstellt werden, sind die Systemwirkungen minimal, aber die Bank ist deutlich sicherer.

Es ist trotzdem unwahrscheinlich, dass der Gesetzgeber in absehbarer Zukunft auf Ihre Vorschläge hört und die Eigenkapitalquoten massiv aufstockt. Müssen wir also wieder mit einer Finanzkrise rechnen?

Wir sind aus der jetzigen noch nicht heraus. Wir räumen im Finanzsektor nicht auf, genau wie Japan vor zwanzig Jahren.

Wie meinen Sie das?

In Japan im Jahr 1992 wurden die faulen Kredite der Banken nicht offengelegt. Eigentlich insolvente Banken blieben lange Zeit dabei, vergaben kaum Kredite an neue Unternehmen und schädigten das Wirtschaftswachstum.

 Herr Professor Hellwig, vielen Dank für das Interview.

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