- DER AKTIONÄR

"Auf den alten Kontinent wetten"

DER AKTIONÄR im Gespräch mit Prof. Dr. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Der Wirtschaftsexperte spricht unter anderem über die Auswirkungen eines möglichen Regierungswechsels auf die Konjunktur, über die Kapitalismusdebatte und den Euro.

DER AKTIONÄR im Gespräch mit Prof. Dr. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Der Wirtschaftsexperte spricht unter anderem über die Auswirkungen eines möglichen Regierungswechsels auf die Konjunktur, über die Kapitalismusdebatte und den Euro.

Das Interview führte Florian Söllner.

DER AKTIONÄR: Herr Walter, könnte eine neue Regierung einen Trendwechsel einläuten?

Prof. Dr. Norbert Walter: Die deutsche Wirtschaft ist ein Gemischtwarenladen. Porsche erlitte keinen Schock, wenn plötzlich Schwarz-Gelb regiert, der Mittelstand würde sich instinktiv wohler fühlen und Heimatgefühle entwickeln; Windräderhersteller wären in Sorge, Kernkraftenergieanbieter und Pharmazie würden Hoffnung schöpfen.

Frau Merkel würde in Arbeitsmarktfragen die Optionen der Beschäftigung im Mittelstand vergrößern Positive Impulse für die Wirtschaft durch Merkel: im Zweifel, ja! Bremser gibt es freilich nicht nur in der deutschen Öffentlichkeit, sondern auch bei den Parteifreunden.

Denken Sie, dass der positive Trend der Dax-Gewinnentwicklung anhält?

Die Gewinne der Dax-Unternehmen dürften durch den Regierungswechsel nicht gefährdet werden. Steuer- und Arbeitsmarktspolitik sollten hier weiter unterstützen. Freilich, der Gewinnanteil am BIP ist so kräftig gestiegen, dass viel Luft nach oben nicht existiert! Gewinne steigen also nur, wenn investiert wird und damit das Wachstum endlich auch wieder in Gang kommt.

In Deutschland ist eine Kapitalismusdebatte entbrannt. Wie stehen Sie zu den Forderungen, der Staat müsse in verschiedenen Bereichen wieder mehr in die Wirtschaft eingreifen?

Die Wertedebatte in Deutschland hat viele Dimensionen. Einige sind höchst wünschenswert (Familie, Kinder, Verlässlichkeit) andere (Kapitalismuskritik) sind oberflächlich verständlich, aber in ihrer Substanz höchst entbehrlich: Wir brauchen mehr Internationalisierung, nicht weniger, mehr Wettbewerbsgeist, nicht mehr Protektionismus. Wir brauchen weniger, nicht mehr Regulierung, aber wir brauchen gute, effiziente Regulierung. Keinen Wegschau-Staat und wir brauchen Regeln auf der richtigen Ebene. Das heißt: Viel öfter international und europäisch und nicht die "atomwaffenfreie Zone Offenbach".

Haben Sie persönlich "Werte" bei Investieren in Aktien? Meiden Sie beispielsweise bestimmte Branchen oder Regionen beziehungsweise ziehen Sie im Zweifel ein Investment in Deutschland vor?

Es gibt mehr lose Haare als gute Suppen! Wer ein Haar in der Suppe finden will, findet deshalb eines. Nachhaltige Aktien sind erfahrungsgemäß auch mehrheitlich renditestarke und risikobegrenzte Titel. Sonst spricht nichts gegen "Nachhaltigkeitsorientierung" bei der Aktienwahl. Für die Wahl der richtigen Sektoren und Regionen sollte auch bedacht werden, dass die Perspektive fundamental günstiger Entwicklung auch schon von anderen erkannt sein kann! Zu hohe P/Es oder historisch hohe "E"s mahnen selbst dort zur Zurückhaltung, wo die Struktur und die Politik stimmen. Ich beispielsweise kaufe gute europäische Werte mit internationaler Ausrichtung!

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des Euros ein?

Nach den exorbitanten Anstrengungen der europäischen Politik ihr internationales Standing zu torpedieren, sollte den Euro eine weitere Abschwächung in Richtung "fair value" gelingen. Der faire Wert liegt etwa bei 1,10 Dollar Diesen Wert werden wir in den nächsten fünf Jahren nicht erreichen. Dazu ist das Interesse der USA, das Leistungsbilanzdefizit unter sechs Prozent des BIP zu drücken zu groß und dessen Wirkung auf die Devisenhändler zu stark. Die Überbewertung des Euro wird in Bushs zweiter Amtszeit dauerhaft unvermeidbar sein.

Auf welche Wirtschaftsregionen würde sie jetzt setzen?

Asien ex Japan wird die nächste Generation in Atem halten. Die Aufholprozesse werden beeindruckend sein. Der mittlere Osten hätte Potential, würde der Islam tolerant und den Frauen gegenüber fair sein. Das überbewertete Nordamerika bleibt eine wichtige Investitionsorientierung!! Europa? Gibt es so etwas? Falls wider die derzeitige Evidenz doch eine europäische Identität existieren sollte, ich würde auf den alten Kontinent wetten: Wir sind es, die Cicero, Plato, Luther, Toqueville, Leibniz, Bach, Mozart, Beethoven, Kant, Einstein und Heisenberg der Welt beigetragen haben.

Herr Walter, wird danken für das Gespräch.

Artikel aus DER AKTIONÄR (24/05).

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