DAX
- Andreas Deutsch - Redakteur

"Alles andere als teuer"

Hans-Jörg Naumer, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors, reagiert gelassen auf die Aussage von Nobelpreisträger Robert Shiller. Dieser hatte vor einer hohen Bewertung von US-Aktien gewarnt. Naumer sieht indes keine Gefahr für eine Übertreibung.

DER AKTIONÄR: Herr Naumer, Nobelpreisträger Robert Shiller hat vor Kurzem vor einer Überbewertung des amerikanischen Aktienmarktes gewarnt. Sollte man schnell seine US-Aktien verkaufen?

HANS-JÖRG NAUMER: Auf den ersten Blick sind amerikanische Dividendentitel hoch bewertet. Der langfristige Durchschnitt, der zurückgeht bis ins Jahr 1870, beläuft sich auf 16. Derzeit werden US-Aktien mit einem Shiller-KGV von 26 bewertet. Das ist aber nichts im Vergleich mit dem Jahr 2000, als der amerikanische Aktienmarkt ein Shiller-KGV von 46 erreichte.

Crashprophet Marc Faber hält US-Aktien für viel zu teuer. Deswegen würde es ihn nicht wundern, wenn es an der Börse, nicht nur an der amerikanischen, in den kommenden Monaten so richtig scheppern würde. Was meinen Sie?

Diese Logik erschließt sich mir nicht. Nur weil Aktien hoch bewertet sind, heißt das noch lange nicht, dass die Kurse einbrechen werden. Man muss ja die gesamte Situation sehen: Die Zinsen sind mickrig wie nie zuvor. Vermeintlich sichere Staatsanleihen bringen kaum Rendite – und was sie bringen, das frisst die Inflation auf.

Das heißt, eine Übertreibung an den Aktienmärkten wäre gerechtfertigt?

Derzeit sehe ich noch keine Gefahr für eine gefährliche Übertreibung. In den USA nicht, in vielen anderen Ländern erst recht nicht. Zumal sicher nicht alle Märkte teuer sind.

Welche Länder sind Ihrer Meinung nach günstig bewertet?

Die europäischen Peripheriestaaten sind äußerst günstig bewertet, ebenso einige Emerging Markets wie Russland und Brasilien. Deutschland ist zwar kein Schnäppchen mehr, die Bewertung liegt mit 15,8 aber weit unter dem aktuellen sowie unter dem historischen Shiller-KGV von US-Aktien.

Welches Shiller-KGV wäre für Märkte wie Deutschland oder die USA noch zu rechtfertigen?

Genaue Werte kann ich nicht nennen, das hängt ja auch immer von den Wachstumserwartungen ab. Aber größtenteils könnten sie schon noch zulegen. Es ist ja so, dass nicht nur die Anlagealternativen fehlen, sondern dass die Weltwirtschaft wieder ein positiveres Bild abgibt, als es noch vor ein paar Monaten der Fall war. Die globale Konjunktur wächst nicht berauschend, aber sie wächst wieder und es sieht nach einer Verstetigung aus. Es gibt kaum eine bessere Rechtfertigung für steigende Aktienkurse als steigende Unternehmensgewinne.

Viele Deutsche scheuen trotz der sehr niedrigen Zinsen immer noch den Aktienmarkt. Wann kommt der große Run auf Aktien?

Das ist die 1-Million-Euro-Frage. Die Deutschen sind ja bekannterweise sehr vorsichtig in Sachen Geldanlage. Aber ich bin optimistisch, dass immer mehr Bundesbürger irgendwann einsehen werden, dass man Aktien haben muss, um einen finanziell unbeschwerten Ruhestand erleben zu können. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Lieber klug investieren als sich arm sparen.

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