Thielert AG
- DER AKTIONÄR

"Äußerst fragwürdig"

Die SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hat eine Verkaufsempfehlung zur Thielert-Aktie ausgesprochen. Im Interview mit dem AKTIONÄR erläutert SdK-Vorstand Markus Straub die Vorwürfe gegen den Fluzeugmotorenbauer.

Die SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hat eine Verkaufsempfehlung zur Thielert-Aktie ausgesprochen. Im Interview mit dem AKTIONÄR erläutert SdK-Vorstand Markus Straub die Vorwürfe gegen den Fluzeugmotorenbauer.

DER AKTIONÄR: Was wird der Thielert AG in der Strafanzeige vorgeworfen?

Markus Straub: Es geht in der Anzeige um Urkundenfälschung, Prospekt- und Bilanzbetrug. In der Anzeige wird auf 72 Seiten detailliert die Situation der Thielert AG im Jahr 2005 beschrieben. Die Gesellschaft war damals vor dem Börsengang 2005 durch einen Betriebsmittelkredit eines Bankenkonsortiums in Höhe von 24,3 Millionen Euro finanziert worden. Die Banken forderten zur Kontrolle die Vorlage der monatlichen Liquiditätsplanung. Den der Strafanzeige beigelegten Aufstellungen ist zu entnehmen, dass von Thielert zwar regelmäßig große Geldeingänge in Aussicht gestellt, diese dann aber immer wieder von Monat zu Monat verschoben wurden. Im April 2005 wurden die Banken nervös und verlangten eine Sonderprüfung der Forderungen. Das daraufhin von der beauftragten BDO Deutsche Warentreuhand AG vorgelegte Zwischenergebnis muss als katastrophal bezeichnet werden. Von 21 Millionen Euro Forderungen konnten bis dahin nur 7.366 Euro, also gerade einmal 0,03 Prozent, in Form von Saldenbestätigungen positiv festgestellt werden.

Die Banken bekamen also kalte Füße?

Das Ergebnis der Prüfung war wohl niederschmetternd. Schließlich handelte es sich um Forderungen, die teilweise aus dem Jahr 2003 stammten. Angebliche Ansprüche aus angeblichen Geschäften mit Gesellschaften bester Bonität. Von diesen Kunden ist bekannt, dass sie eigentlich umgehend zahlen. Das Gutachten muss bei den Banken wie eine Bombe eingeschlagen haben.

Trotzdem reagierten sie nicht?

Nein, offensichtlich nicht. Aus ihrer Sicht gut nachvollziehbar, denn hätte das Konsortium den Betriebsmittelkredit gekündigt, so hätte die Thielert AG unmittelbar ein Liquiditätsproblem bekommen. Wäre es Thielert nicht umgehend gelungen, eine neue Finanzierung der 24 Millionen Euro zu erhalten, hätten die Banken bei der dann eventuell im Raum stehenden Insolvenz wohl einen Großteil der Kredite abschreiben müssen und somit selbst viel Geld verloren.

Also Augen zu und ...

... an die Börse. Genau diesen Eindruck gewinnt man. Denn zu dem Zeitpunkt, als die Banken den Bericht bekamen, kommunizierte Thielert den Börsengang. Aus Sicht der Banken muss das die einzige Chance gewesen sein, die Kredite überhaupt zurück zu bekommen. Im November 2005 gelang dann auch der Börsengang und der Betriebsmittelkredit wurde aus den Erlösen voll zurückgezahlt.

Wie lauten die Vorwürfe in der Strafanzeige konkret?

Der Anzeigesteller wirft Thielert vor, durch fiktive Geschäfte die Zahlen geschönt zu haben und behauptet, dass so zuerst die Banken und jetzt die Aktionäre getäuscht wurden. Diese angeblich fiktiven Geschäfte sind als Umsatz und Ertrag in das Zahlenwerk gelangt und stehen jetzt als Forderungen in den Büchern.

Im Unternehmen muss so etwas doch auffallen, zumindest in der Buchhaltung?

Der Verfasser der Anzeige schreibt dazu, dass das Mahnwesen bei den wesentlichen Kunden dem Vorstand obliegt. Er führt weiter aus, aus „Dies verwundert nicht, da virtuelle, tatsächlich nicht bestehende Forderungen ja schwerlich von den Mitarbeitern der Buchhaltung angemahnt werden können.“

Zumindest der Wirtschaftprüfer muss so etwas doch feststellen?

Unserer Meinung nach hat BDO hier äußerst fragwürdig gearbeitet. Dem Gutachten kann man entnehmen, dass BDO im Einvernehmen mit dem Vorstand von Erläuterungen der erbrachten Leistungen zu den Wehrtechnik bezogenen Forderungen Abstand genommen hat. Und zwar mit der Begründung, dass Thielert weitreichende vertraglichen Verschwiegenheitspflichten unterliegt. Hier wurde also gar nichts geprüft und die Wirtschaftprüfer haben sich stattdessen im Internet die Websites der angeblichen Kunden angeschaut, um so deren Bonität abschätzen zu können.

Das sind harte Vorwürfe auch gegen den Prüfer.

Auf die Arbeit von Wirtschaftsprüfern können sich Aktionäre leider nicht verlassen. Denken Sie an Comroad. Da hat es KPMG angeblich über Jahre nicht gemerkt, dass 98 Prozent des Umsatzes erfunden waren und das mit einem Kunden, den es gar nicht gab.

Thielert spricht von einem Realisierungsgrad der Forderungen von 87 Prozent.

Meiner Meinung nach ein Taschenspielertrick, denn wenn man die Berechnung dieser Zahl hinterfragt, stellt sich heraus, dass ein Teil der fraglichen Forderungen erst gar nicht enthalten sind und die bereits abgeschriebenen bzw. wertberichtigten ebenfalls nicht. Thielert bezeichnet also abgeschriebene Forderungen als realisiert.

Aber die Gesellschaft verfügt doch über hervorragende Produkte.

Wir zweifeln nicht an der Qualität der Produkte. Die Frage ist aber, wie viel davon tatsächlich verkauft wird. Dem angeblich starken Wachstum stehen unseres Erachtens nicht im selben Maße Zahlungseingänge der Kunden entgeben. Aufgrund der hohen Aktienbewertung muss Thielert immer mehr Wachstum zeigen. In erster Linie wachsen bei Thielert aber die Forderungen und Vorräte. Bei einem Halbjahresumsatz von 28,2 Millionen Euro weist Thielert inzwischen beängstigende 47,9 Millionen Euro Forderungen und 36,6 Millionen Euro Vorräte aus.

Wie lange kann das gut gehen?

Bilanzierte Forderungen und Vorräte bringen keinen Cash. Und obwohl Thielert ein ständig steigendes und positive EBIT ausweisen kann, ist häufig am Monatsende immer weniger Geld in der Kasse als am Monatsanfang. Man gewinnt den Eindruck als lebt Thielert derzeit von Fremdfinanzierungen und dem Geld der Aktionäre. Ob mit dem Geschäft tatsächlich ein positiver operativer Cashflow erwirtschaftet werden kann, ist noch nicht bewiesen.

Bewiesen sind jedoch auch die Betrugsvorwürfe noch nicht.

Richtig, bewiesen ist noch nichts. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz hat unter dem Aktenzeichen 350 Js 34237/06 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und sieht somit zumindest einen Anfangsverdacht als begründet. Wie lange derartige Ermittlungen dauern, ist nicht abzusehen. Vor Gericht gilt die Unschuldsvermutung, an der Börse nicht. Aktionäre sind auch keine Richter, sondern müssen sich an Fakten und Erfahrungen orientieren und schnell Entscheidungen treffen. Aufgrund der Faktenlage haben wir Anlegern empfohlen, die Aktien zu verkaufen.

Wie muss man Thielert jetzt bewerten?

Die Bewertung der Aktien ist aufgrund des dargestellten Wachstums mit rund 400 Millionen Euro im Moment extrem hoch. Wenn es stimmen sollte, dass auch nur ein Teil des Umsatzes und damit Wachstums nicht real ist, hat das für das Unternehmen verheerende Folgen. Aufgrund der drohenden Prospekthaftungs- und Anlegerklagen wäre es dann auch nicht möglich, einfach auf niedrigerem Bewertungsniveau weiter zu machen.

Thielert behauptet, Shortseller seien an fallenden Kursen interessiert und hätten deshalb eine Kampagne gestartet.

Das Argument kennen wir von FJH, Comroad und MLP. Mit den „bösen“ Shortsellern ist einfach und schnell ein Schuldiger ausgemacht. Ein bisschen Verschwörungstheorie dazu und man kann bestens von den tatsächlichen Vorwürfen ablenken und Gutgläubige so bei der Stange halten. Natürlich ist es aber auch möglich, dass professionelle Marktteilnehmer die Probleme und Überbewertung von Thielert erkannt haben und jetzt an den fallenden Kursen verdienen wollen.

Trotzdem: Der Kurs ist nach Ihrer Meldung stark eingebrochen. Die Schutzgemeinschaft hat den Thielert-Aktionären einen Bärendienst erwiesen.

Klar, der Überbringer der schlechten Nachricht muss um seinen Kopf fürchten. Wir sind aber nicht die Schutzgemeinschaft der Luftschlossbesitzer, sondern setzen uns für einen sauberen, fairen Kapitalmarkt ein. An dem darf nicht gelogen und betrogen werden und alle Aktionäre müssen wichtige und richtige Informationen erhalten, um ihre Entscheidungen treffen zu können. Vor einer Veröffentlichung haben wir natürlich die Echtheit der Unterlagen geprüft, wir haben das Unternehmen über die Vorwürfe informiert und Thielert die Möglichkeit gegeben, diese auszuräumen. Das ist dem Unternehmen unseres Erachtens nicht gelungen.

Hier geht es zum AKTIONÄR-Interview mit Frank Thielert, Vorstandschef und Unternehmensgründer der Thielert AG.

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